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Typographie: Blocksatz vermeiden

Ich habe Lesen ganz unsystematisch gelernt, ohne den Einsatz des Zeigefingers oder kleiner Schmuckbildchen. Und so lese ich heute, wenn ich einmal in Fahrt gekommen bin, immer zwei Zeilen auf einmal: Die obere Zeile entschlüssele ich, während ich mir von der darunterliegenden einen ›Schnappschuß‹ erstelle. Wenn ich es so hinschreibe, klingt das ganz umständlich, aber ich schaffe doch 100—150 Seiten pro Stunde.

Wenn der Rhythmus stimmt.

Blocksatz in der YAML-Dokumentation

Damit meine ich nicht allein den Rhythmus der Sprache – bei dem Tempo spreche ich innerlich ohnehin nicht mehr mit – sondern den visuellen Eindruck. Viele kleine Absätze mit großem Abstand behindern meine Technik ebenso wie ein sehr hoher Zeilenabstand. Aber am schlimmsten finde ich schlechten Blocksatz.

Guter Blocksatz fällt nicht auf. Daran erkennt man gelungene Typographie: Der Abstand zwischen den einzelnen Zeichen (Kerning) paßt zu den Wortzwischenräumen und bleibt über viele Zeilen hinweg sehr konsistent. Ein geübter Setzer stimmt also Zeichen-, Wort- und Zeilenabstände aufeinander ab.
Im Ergebnis paßt der Grauwert am rechten Rand zu dem des übrigen Textes.

Schlechter Blocksatz kriegt nur den rechten Rand hin und zerstört den Rest. Zwischen den einzelnen Worten entstehen Abstände, die manchmal den größten Raum der Zeile beanspruchen und untereinander einen River of White Space bilden; Anfang und Ende eines Satzes muß der Leser suchen, weil das visuelle Signal (langer Abstand) dem Inhalt (der Satz geht weiter) widerspricht.

In der Ausgabe am Bildschirm haben wir als Autoren oft keinen oder wenig Einfluß auf die tatsächlich verwendete Schriftgröße. Eine zuverlässige automatische Silbentrennung können wir auch nicht benutzen, und ein Kerning, das für jede Zeile paßt, können wir uns ganz aus dem Kopf schlagen.

Guter Blocksatz ist in HTML und CSS nicht möglich. Selbst in E-Books wird er sehr, sehr schwer.

Aber ich kann doch … 

… eine feste Breite und Schriftgröße vorgeben, Umbrüche und Trennstriche manuell setzen und so einen akzeptablen Blocksatz erreichen?

Glücklicherweise nicht. Die Schriftgröße des Lesers ist unbekannt. Ebenso die verwendete Schrift. Wer HTML und CSS benutzt, der hat automatisch Koautoren; das ist eingebaut. Noch gibt es ein paar ›Designer‹, die sagen: »Selber schuld! Wer meine Vorgaben überschreibt, darf sich nicht beschweren.«
Als Physiker ignorierten die vermutlich auch die Schwerkraft, und als Lehrer die jugendliche Neugier.

Javascript und Canvas benutzen?

Das scheitert an Browsern, die kein Canvas unterstützen, an abgeschaltetem Javascript und an der sehr schlechten Zugänglichkeit in <canvas> eingebetteter Texte.

Worauf ich hinaus will, ist aber keine typographische Frage, sondern: Für wen schreibe ich eigentlich? Für den willenlosen Leser ohne eigene Ansichten und Präferenzen? Oder für einen mündigen Leser, der beides eben hat und darum auch von meiner Ansicht überzeugt werden kann – oder ihr ein spannendes Argument entgegensetzt?
Für den ersten brauche ich gar nicht zu schreiben; das lohnt sich nicht. Und den zweiten sollte ich besser nie mit Blocksatz ärgern.

Lektüre

11 Kommentare

  1. Bernhard Häussner am 13.04.2010 · 13:57

    In der Webtypographie verwendet aus guten Gründen kaum jemand einen Blocksatz. Allergins bin ich mir nicht sicher ob das heute noch so zeitgemäß ist.
    Man sehe sich nur einmal die unglaublich unatraktive Wortsuppe auf nytimes.com an. Wenn man nicht auf die exakt gleiche Darstellung in jedem Browser fixiert ist, finde ich es nicht so abstrus mit Javascript im Kompatibilitätsfall Blocksatz (und z.B. mit dem hyphenator gleichzeitig auch Silbentrennung) nachzurüsten. (Gerade bei großzügigen Zeilenbreiten braucht man ohnehin seltener Silbentrennungen. Im Englischen hat man zudem kürzere Wörter und im Deutschen kann man ja lange Komposita stückeln. Dann ist der Whitespace relativ ausgeglichen.) Klar, da es automatisch und individuell ist, kann es nicht immmer perfekt sein, aber villeicht kann man darüber hinweg sehen. Gerade wenn man scharfe Kanten rechts des Fließtextes haben will, sieht ein Blocksatz viel besser aus.

  2. Thomas Scholz am 13.04.2010 · 14:14

    @Bernhard Häussner: Ich glaube nicht, daß Blocksatz die vielen schmalen Spalten bei der NYT entschärfen könnte.

    Der Ansatz des Hyphenators ist sicher ganz nett; ob seiner Größe (120 kiB) finde ich ihn aber wenig praxistauglich. Wie sich das Script nach dem Laden auf die Performance auswirkt, möchte ich eigentlich auch lieber nicht wissen. ☺

    Ich halte auch wenig vom großzügigen manuellen Einsatz der Trennstriche im Deutschen. Heute sieht man allzu oft selbst hinter einem Fugen-S Trennstriche … das Problem der großen Wortzwischenräume lösen sie ohnehin nicht.

    Gerade wenn man scharfe Kanten rechts des Fließtextes haben will […]

    Dafür gibt es nur ein überzeugendes Motiv: Ein einheitlicher Grauwert im ganzen Textblock. Und das ist ohne ergänzendes Kerning nun einmal unmöglich.

  3. Klaus am 14.04.2010 · 14:14

    Hi,

    das schöne Bild mit den scharfen Kanten rechts scheint wichtiger als eine gute Lesbarkeit. Bildvermittlung vor Informationsvermittlung.

    Je älter man wird desto wichtiger ist die gute Lesbarkeit. Selbst mit PC-Brille ist man für kürzere Zeilenlaufweiten, ausreichende Schriftgröße, guten Zeilenabstand und keine scharfen Kanten rechts dankbar.

  4. Mathias Nater am 14.04.2010 · 21:06

    @Thomas Scholz: 120Kb? Nein: 94Kb wenn mit dem beiliegenden Tool minimiert und 49Kb, wenn danach noch als gzip ausgeliefert.
    Also etwa gleich gross, wie ein Bild.

  5. Markus am 15.08.2010 · 23:03

    Und was ist mit &shy;, also einer Silbentrennung?

  6. Thomas Scholz am 15.08.2010 · 23:29

    @Markus: Obwohl die Unterstützung in den aktuellen Webbrowsern endlich einigermaßen akzeptabel ist, kann &shy; immer noch Probleme bei Copy & Paste bereiten. Auf die Intelligenz der Suchmaschinen möchte ich mich auch nicht verlassen.
    Lektüre: Jukka Korpela: Soft hyphen (SHY) – a hard problem?

  7. Andreas Borutta am 22.09.2010 · 15:17

    Auf http://www.alistapart.com/articles/the-look-that-says-book/ werden Verfahren erwähnt, die das Einfügen von bedingten Trennzeichen automatisieren.

    Ich selber war noch nie ein großer Freund von Blocksatz. Aber es wäre schon hübsch, wenn man ohne viel Aufwand Flattersatz durch vernünftig gesetzte bedingte Trennstellen aufwerten könnte.

  8. Thomas Scholz am 22.09.2010 · 15:25

    @Andreas Borutta: In der deutschen Sprache funktioniert das nicht. Neben dem Klassiker Urin-stinkt gibt es noch viele weitere Fälle, in denen ein Umbruch zwar technisch erlaubt wäre, aber stilistisch als Fehltritt angesehen werden muß. Schon Monatsar-chiv darf nicht passieren. Um das zu verhindern, müßte man eine gewaltige Referenz aufbauen – die dennoch an den Wortbildungsmöglichkeiten des Deutschen scheiterte. Lohnt sich nicht.

  9. Andreas Borutta am 22.09.2010 · 15:55

    @Thomas Scholz: Ich hatte vermutet, dass für ausgereifte Werkzeuge wie LaTeX und bei entsprechend großen Akteuren (Verlage) hinreichend große Referenzen, Bibliotheken, Heuristiken, ... existieren, mit deren Ergebnis man leben kann.
    Wo nur das letzte Quentchen Qualitätsverbesserung von Lektoren manuell geleistet wird.

  10. Thomas Scholz am 22.09.2010 · 16:10

    @Andreas Borutta: Man verhält sich nur so, als habe man solche Werkzeuge. Die Qualität der Silbentrennung hat nach meinem Gefühl in den letzten Jahren nachgelassen, Texte werden schlechter oder gar nicht mehr lektoriert. Gerade bei Fachbüchern kann man das deutlich sehen.
    Manche Dinge lassen sich kaum automatisieren. Die Silbentrennung gehört dazu.

  11. Bernhard Häussner am 24.09.2010 · 17:06

    @Thomas Scholz: Wieso "man verhält sich...", LaTeX kann ja wohl jeder haben? (Wobei das fürs Web wohl keine Rolle spielt) Allerdings ist der Layout Algorithmus bei LaTeX so komplex, dass man im Zweifel bei nur einem geänderten Buchstaben das ganze Kapitel neu checken darf, man muss sich also irgendwo auf die Silbentrennung verlassen. Wenn man solche Hämmer erkennt kann man einfach folgendes machen, um LaTeX neue Trennstellen vorzugeben:

    \hyphenation{Maß-nah-men-ab-lei-tung Ab-sage Wien-der Gar-ten-stil-epo-chen Ur-instinkt Monats-archiv}
    

    Wahrscheinlich werden deine Fachbüchern mit LaTeX gesetzt ☺